1547 Seiten, um mal so anzufangen – die muss man nicht nur erst schreiben, die muss man auch erst einmal lesen wollen und können und Zeit finden dafür und sich disziplinieren und erholen davon. 1547 Seiten. Jedes Wort, jedes einzelne, gelesen. Ich. Als zweiter Mensch in Graz. Nach Clemens Setz, der ein Mittelinitial hat, das ich jetzt nicht die Nerven zu googeln besitze.
Für mich macht das “Unendlicher Spass” zum zweitdicksten gelesenen Buch meines Lebens, Vikram Seths “A Suitable Boy” war um wahrscheinlich 300 Seiten länger (aber auch um vieles konsumierbarer), und was dieser Post eigentlich soll, ist den Postenden selbst unendlich zu loben. Denn er hätte nicht nur eine Antwort auf die Frage, wer die schönste Frau Östereichs ist, sondern auch wirklich jeden Charakter dieses Wallace-Mammuts im Kopf filmisch besetzt, was bei ihm schwieriger als bei anderen ist, aus mehreren Gründen, so wie es bei ihm auch schwieriger zu beurteilen ist, ob seine Bücher eigentlich gut sind oder sich nur so lesen.
Was bleibt: Ist diese wunderbare, mit nichts zu tun habende Passage über den an den schlimmsten Psychosen aller Zeiten laborierenden Mann, der von der Wahnvorstellung geplagt wird, dass ihm radioaktive Flüssigkeit ins Gehirn tropft. Er lebt in einer psychiatrischen Einrichtung, und weil er so hoffnungslos und schlimm psychotisch ist, kann man an ihm auch so tolle Untersuchungen dieser psychischen Krankheit durchführen; man macht also einen Test mit ihm, einen Pet-Scan, wenn ich das richtig erinnere, man will ja wissen, was in so einem Gehirn vorgeht, wenn es sensationelle Wahnvorstellungen hat. Und für diesen Scan ist es natürlich notwendig, ihm ein radioaktives Kontrastmittel ins Gehirn spritzen.
Was noch bleibt ist diese wunderbare Figur Gately, dieser grobschlächtige, unintellektuelle Riese, ein Typ mit Herz, ein Kämpfer und Bemüher, der DFW allen Anschein selbst als so gelungen erachtete (und das wahrscheinlich deshalb, weil er ihm so fremd war in seiner Schlichheit), dass er ihn anders als den brillanten Hal und seine ganze kaputte Familie nicht schnetzeln, zerfransen, zerfasern musste, zerteilen, skrutinieren und in die Ecke mit der Lupe, sondern ihn in unheimlich einleuchtenden und klugen Sätzen wunderbar beschrieb. Und diese Sätze sind dann auch nicht drei Seiten, sondern oft nur zwei Zeilen lang und in den besten Momenten noch überirdisch interessant. Beispiel: Wenn Gately schwer verletzt halluziniert und der Tod ihm erklärt, man habe viele Leben, und am Ende jedes einzelnen stehe eine Frau, die einen tötet. Und diese Frau, die einen tötet, ist im nächsten Leben immer die Mutter.
Deshalb, heißt es dann unterhalb, habe Mutterliebe immer so einen leichten Hauch von Selbstsucht. Weil: Mütter versuchten einen Mord wiedergutzumachen, an den sich keiner erinnern kann.
Und das Ende? Der Rausch und die Party, der Albtraum. The Horror. The Horror!
PS: Schon in Arbeit, als Gegengift, sozusagen: Bolanos “Das dritte Reich”. Und wenn DFWs Dreikiloziegel ein Mutterkomplex-gewordens achtjähriges Gymnasium ohne Raucherzimmer ist, dann ist RBs vernichtender Urlaub wie ein Date, bei dem man zu spät kapiert, dass man eigentlich das Fluchtauto fährt. Ihr Reich-Ranicki.